Aus dem Film-Review-Archiv: Boyhood



So, jetz’ aber!
Boyhood. Endlich mal nachgeholt.
Meine kurze Zusammenfassung war ja, dass der Film weder so gut noch so schlecht ist, wie alle sagen. Man merkt also schon, der polarisiert. Das macht er aber sicher auch vor allem, weil er von den Kritikern und Zuschauern, die ihn mögen, ein bisschen zu derbe abgefeiert wird. Klar erzeugt das Gegenstimmen.
Aber unterm Strich is das kein schlechter Film. Ein netter kleiner Indie-Streifen in der Tradition eines Garden State, der einfach ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit und zu viele Oscar-Nominierungen bekommen hat, weil er halt über zwölf Jahre hinweg in Produktion war.

Ob man das wirklich braucht, dass man einem Bub beim Älterwerden im Drei-Stunden-Zeitraffer zuguckt, sei dahingestellt. Interessant isses allemal, aber die Machart bringt auch Probleme mit sich – z.B., dass es kein richtiges, traditionelles Drehbuch gab (was die Oscar-Nominierung in der Kategorie etwas fragwürdig macht). Dementsprechend gibt es auch keine Story. Die Geschichte ist viel mehr die, wie wir alle grob durchlaufen in der Zeit von 6 bis 18 Jahren. Da gibt´s keinen erkennbaren Spannungsbogen mit Exposition, Klimax, retardierendem Moment und all dem Schnickschnack. Da gibt´s nur Episoden, die bestenfalls anekdotisch sind. Meistens steuert man aber nun mal auf keine alles erleuchtende Schlusspointe zu, sondern schwadroniert gedanklich mit seinen Mitmenschen bloß durchs Star Wars-Universum oder ärgert sich über seine scheiß Frisur. Und das fängt der Film ein.

Ohne auch nur den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit oder Zusammenhang präsentiert er uns pro Jahresabschnitt Szenen, die sich innerhalb etwa einer Woche um die zentrale Familie herum abspielen. Den Rest an Informationen kann man selbst füllen, weil man das entweder selber so erlebt hat, oder zumindest ein Dutzend Leute kennt, denen es so erging. Denn es passiert auch nichts Außergewöhnliches, nur bodenständiger Alltag – mit dem schlimmen, dem guten und viel von dem belanglosem Kram.
Interessant, wie man sich als voyeuristischer, Bombast- und Drama-geschulter Zuschauer ständig die abenteuerlichsten Sachen ausmalt, die den Protagonisten als Nächstes geschehen – und dann passiert´s aber nie, weil das Leben so nicht funktioniert.
Beispiele, von denen ich bereits von mehreren Leuten gehört hab, dass sie bei bestimmten Szenen das Gleiche erwarteten:
- Der Junge hängt mit Kumpels ab und sie werfen Kreissägenblätter und zertreten Holzbretter. Die ganze Zeit denkt man: Gleich passiert´s! Jemand hat das Sägeblatt im Kopf stecken oder jemand bricht sich was bei den Karate-Moves gegen’s Holz. Krasser Scheiß! Hirnmasse, Eltern schreien vor Entsetzen, Jugenknast! Aber nix passiert.
- Der Junge fährt Auto, seine Freundin zeigt ihm ein Bild von ´nem Minischwein auf ihrem Handy. Der Junge schaut vom Steuer weg aufs Schwein. Man erwartet ´nen Unfall – mehrfacher Überschlag, ein Tanklaster voller Nonnen explodiert – nee, nix passiert!
Und so läuft das immer wieder mal ab – und das macht im Kontext des Films Sinn, der ja irgendwie auch ein durchschnittliches Leben skizzieren will. Die meisten verbringen ja ihre Kindheit tatsächlich ganz ohne versehentlichen Totschlag oder blutige Unfälle (die meisten, nicht alle, zwinker zwinker). Wenn man diese Spannungsarmut akzeptieren kann, kann man auch dem Film was abgewinnen.
Für mich war er unterm Strich in erster Linie ´ne Erinnerungsstütze und ´ne Basis für anschließende Abrisse über das eigene Leben. Bestenfalls schaut man sich den mit anderen zusammen an und vergleicht dann, wie das bei einem selbst und wie´s bei den anderen war. So wie wenn man sich gemeinsam ein Pekannuss-Eis holt und dann beredet, wie´s einem geschmeckt hat. Der Film stimmt also dezent das Gesprächsthema an und schleicht sich dann auch schon wieder recht bald in das stille Eckchen des Vergessens.
Tatsächlich gab´s recht viele Parallelen zwischen meiner Vergangenheit und der des Boyhood-Buben; fragt sich dann halt nur, ob das eigene Gedächtnis nicht schon gut genug auch ohne solche Erinnerungsauffrischer funktioniert.

Außerdem fängt der Film auch recht schön das Zeitkolorit des jeweiligen Entstehungsjahres ein, weshalb mir auch vor allem die ersten Abschnitte gefallen haben, die ab 2002 spielen. Hier wirkt das Erinnerungsauffrischen gleich doppelt – und je weiter der Film läuft, desto mehr verliert er von diesem Bonus, was die späteren Jahre leider auch etwas zäher und öder macht. Daher glaub ich, dass man sich Boyhood in zehn Jahren gut noch mal geben kann und der dann vielleicht sogar ein bisschen besser funktioniert. Wenn dann der 18-jährige Bub im Jhr 2014 über Facebook philosophiert, denkt man sich vielleicht in wohliger Erinnerung: Hach ja, das waren noch Zeiten, als es dieses Facebook gab! Damals hatten die Menschen ja noch nich mal Hoverboards.

Also unterm Strich okay. Der Oscar für Patricia Arquette hätte nich zwingend sein müssen, war ´ne gute, aber keine besonders herausragende Leistung. War also absolut richtig, dass Birdman in den wichtigsten Kategorien gegen Boyhood gewonnen hat.